Sind Nachhaltigkeit und guter Stil vereinbar?
The Sooner Now serviert Denkanstöße zum Thema Conscious Fashion, Stuttgart
MINI × Huoliquankai presents: The Sooner Now
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Kaufen wir zu viel Kleidung? Was müssen wir wissen, um überhaupt die ‚richtigen’ Kaufentscheidungen zu treffen? Und wie viel Wertschätzung haben wir in unserem schnellen, urbanen Leben eigentlich für die Teile, die unseren persönlichen Stil ausmachen?

Zum zweiten Dinner der gemeinsamen Initiative The Sooner Now luden Freunde von Freunden und MINI Deutschland nach Stuttgart ein, um mit der Community vor Ort über eine gesunde und lebenswerte Zukunft in der Stadt zu diskutieren. Und die fängt dort an, wo wir alle Entscheidungen treffen. Zum Beispiel beim persönlichen Konsum. Darüber nachzudenken, wie sich Stadtleben „conscious” – also mit einem Bewusstsein für Umwelt und Ressourcen – gestalten lässt, ist nicht nur unausweichlich, schnell wird klar, dass es beim Thema Nachhaltigkeit auch großen Gesprächsbedarf unter den Gästen gibt.

Denn der schöne urbane Lebensstil mit seinen Trends, seinem Tempo, dem hohen Komfortanspruch und dem dichten Konsumangebot, gehört auch zu genau den Faktoren, die einer nachhaltigen Entwicklung der Städte im Weg stehen. Zeit, den Blick auf sich selbst zu richten – und zwar ganz dem Namen des Events entsprechend: am besten bald, am besten jetzt. Und am besten in einem Bereich, der alle betrifft. Im Anschluss an Aperitif und Essen servierte The Sooner Now deshalb ein Gespräch mit vier Expertinnen zum Thema „Conscious Fashion for a Life in the City“.

Wie viel Gesprächsbedarf es rund um eco-faire Mode, gibt die ohne die allgemein übliche Ausbeutung von Menschen und Ressourcen auskommt, ist nicht nur unter den eingeladenen Rednerinnen, MINI Fashion Creative Lead Sabine Ringel, Lissome-Gründerin Dörte Lange, Modedesignerin Johanna Perret vom Design-Label Perret Schaad und Viertel \ Vor-Journalistin Anna Schunck spürbar. Auch Allgemein lässt sich eine Tendenz erkennen: Aus Models werden heute Slowfashion-Blogger, aus Großstadt-Millennials kritische Konsumenten und für viele junge Labels sind korrekte Produktionsbedingungen eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig drängen große Firmen – wie jüngst Adidas mit einem Sneaker, der zum Teil aus Ozeanplastik besteht – in die öffentliche Wahrnehmung. Erste Anzeichen eines neuen Bewusstseins?

Im Mainstream angekommen ist nachhaltige Kleidung trotzdem noch lange nicht. Viele denken dabei an beige Öko-Kleidung oder haben sich die Produktionsbedingungen dessen, was sie tragen, vielleicht noch nicht bewusst gemacht. „Um dahin zu kommen, müssen Begehrlichkeiten geschaffen werden“, glaubt Sabine Ringel. „Die Schwere muss aus dem Thema raus.“

Wie das gelingt? „Mit hochwertigen Produkten, die auch beim Look keine Abstriche machen.“, sagt sie im Dinnergespräch. Darüberhinaus, da sind sich die Speakerinnen einig, gelingt dies mit mehr Wertschätzung für Kleidung, die wir kaufen. Und mit Qualität, findet Johanna Perret. Außerdem mit Pflege. „Unsere Großmütter wussten noch, wie man seine Sachen behandelt.“ So halten die Teile dann natürlich auch länger. „Viel günstig kaufen und viel wegwerfen ist für Menschen und Umwelt immer schlecht, das kann man sich einfach merken“, meint Dörte Lange. Ihr Rat an alle: „Die Angst vor Verzicht besser umkehren in ‚Mindfulness’.“ Kleine Labels könnten da laut Johanna durchaus Pionierarbeit leisten. Und generell, so Sabine, dürften sich die Marken nicht länger aus der Verantwortung ziehen sondern müssten „einen Anspruch an alle Teile der Wertschöpfungskette haben“.

Wer trägt also am Ende die Verantwortung für einen echten Wandel? „Alle“, sagt Dörte – und niemand widerspricht. Konsumenten, Labels, Medien und sicher auch die Politik sind am Zug, um neue, wichtige Schritte zu gehen. Eine gewisse Macht, das darf man nicht vergessen, hat dabei jeder von uns, denn wir entscheiden was und wieviel gekauft wird. Und auch die Konsequenzen für unseren Lebensraum, werden wir zu spüren bekommen, sollten wir nicht umdenken.

Nachhaltige Mode für ein besseres Leben in der Stadt – Die Gesprächsrunde

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Von links nach rechts: Sabine Ringel, die die Initiative MINI Fashion anleitet; Johanna Perret, eine Hälfte des Berliner Design-Duos Perret Schaad, die Huoliquankai im Frühjahr in ihrem Studio besucht und zu Pitti Uomo in Florenz begleitet haben; Dörte Lange, die der Fast-Fashion-Branche vor einigen Jahren den Rücken kehrte, um mit The Lissome eine Plattform für nachhaltige Mode zu gründen; und Anna Schunck, Journalistin und Co-Gründerin von Viertel \ Vor, einem Blog für Schritte zu einem nachhaltigeren Leben.

„Mindful Fashion ist eine Welle, die ganz langsam aber sicher anrollt.”

Anna:Liebe Johanna, Perret Schaad produziert nur lokal in Deutschland. Warum habt Ihr Euch nicht für ein Billiglohnland entschieden?

Johanna: Mit einer eigenen Unternehmung startet man ja meistens klein. Und da macht es einfach Sinn lokal zu produzieren. Auch weil es erst Mal um eine geringere Anzahl von Teilen geht. Produktionen in Afrika oder Asien fertigen meist nur sehr hohe Stückzahlen – und werfen im Zweifel dann die Hälfte weg.

Anna: Warum genau wolltet Ihr das nicht?

Johanna: Aus Überzeugung. Wir wollten von Anfang an, dass die Leute, die unsere Sachen produzieren auch nachvollziehbar und angemessen bezahlt werden. Außerdem haben wir festgestellt, dass in Deutschland ganz tolle Produktionsstätten schlummern. Wir machen Strick-, Leder- und Damenoberbekleidung und lassen an drei Standorten fertigen, an denen noch eine traditionelle Handwerkskultur besteht. Es macht total Spaß, mit den Produzenten vor Ort die Designs zu besprechen. Und das funktioniert natürlich auch besonders gut, wenn es keine Sprachbarriere gibt. Wir schätzen die enge und vor allem langfristige Zusammenarbeit – und empfinden die auch als etwas sehr Nachhaltiges.

Anna: Macht Sinn. Auch für die öffentliche Wahrnehmung. Denn auch wenn Slowfashion im Mainstream leider noch nicht den ganz großen Durchbruch hatte, wird faire und lokale Produktion für Kunden ja zunehmend interessanter. Warum werbt Ihr als Label trotzdem nicht mit Eurem Conscious-Design-Gedanken?

Johanna: Gute Frage… Ich glaube für uns ist das einfach eine Überzeugung, eine Art Selbstverständlichkeit, aus der wir nicht so einen Hehl machen. Und die Leute die unsere Sachen kaufen wissen ja, wie unsere Preise entstehen und dass wir eben fair produzieren.

Eindrücke vom Abend in Stuttgart

Anna: Das kann man rausfinden, wenn man zum Beispiel gezielt auf Eure Homepage geht. Den quasi gegenteiligen Weg hast du gewählt, Dörte. Indem du denen eine Plattform bietest, die sich bereits für nachhaltige Mode entschieden haben und danach auf der Suche sind. Hast Du das Gefühl, dass die Nachfrage gestiegen ist?

Dörte: Ja, schon. Ich habe den Eindruck, dass ist so eine Welle, die ganz langsam aber sicher als nächstes anrollt. Im Bereich Food sind wir ja mittlerweile schon so weit gekommen, dass es Bio-Supermarktketten gibt und viele sehr darauf achten, ob ihr Essen saisonal und regional hergestellt wurde. Der Schritt rüber zu Mode kommt – ist aber noch nicht ganz so weit.

Anna: Der zum Essen hat ja auch seine Zeit gedauert. Bestimmt 30 Jahre…

Dörte: Genau. Und da arbeiten Leute ja auch schon seit Ewigkeiten dran. Dabei ist das Prinzip das Gleiche: Baumwolle muss genauso angebaut werden wie Karotten.

Anna: Ist schließlich auch eine Pflanze. Und bis die fertig ist, dauert es eben seine Zeit. Apropos Dauer, Sabine, ihr bei MINI Fashion wisst ja nur zu gut, wie schnell Trends wechseln. Insbesondere in der Stadt. Glaubst Du, dass die Wertschätzung für gutes Design dadurch im urbanen Raum verloren geht?

Sabine: Ich glaube, wie Dörte schon gesagt hat, das wandelt sich gerade wieder ein bisschen. Ich habe das Gefühl, wir haben das Limit erreicht – und dass es jetzt eher in Richtung Umdenken geht. Das nehme ich zumindest im Freundes- und Bekanntenkreis so wahr. Ich glaube dieses Bewusstsein, das für Essen wie gesagt schon da ist, erreicht jetzt auch viele andere Bereiche. Und damit auch die Mode.

Anna: Glaube ich auch. Und dennoch ist Slowfashion weit entfernt davon, den Mainstream zu erreichen. Müsste dafür nicht erst vielleicht ihr angestaubtes Öko-Image verschwinden?

Sabine: Tatsächlich gibt’s da ein kleines Image-Problem, ja. Aber ich denke, dass der Ruf viel schlechter ist, als die nachhaltige Mode selbst. Wir sind heute auch technisch gesehen auf einem ganz anderen Stand als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Nicht alles, was nachhaltig ist, ist beige und braun…

„Jüngere Generationen achten mit mehr Selbstverständlichkeit auf die Herkunft ihrer Kleidung.”

Dörte: Gerade bei Modelabels, die das Ökologische und Fairness stark in den Mittelpunkt stellen, als Marketing oder sogar als Mission haben, stand das Ästhetische lange Zeit nicht im Vordergrund. Gerade damals in den Siebzigerjahren war vielleicht auch eher der Alternativ-Look gewollt.

Anna: Weil man seine Öko-Überzeugung ganz klar zeigen wollte?

Dörte: Ja. In den Neunzigern gründeten sich dann Labels, bei denen der Fokus auf gesunden, faire Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern lag. Momentan beobachte ich eine neue ganz spannende Strömung. In den USA und in Europa gründen sich kleine Labels, meist betrieben von Millennials, bei denen es unbedingt ums Visuelle geht und die ausserdem auch ganz selbstverständlich auf die Produktionsbedingungen achten.

Anna: Es hat sich also umgekehrt? Früher hat man in alternativer Optik gezeigt, was nachhaltig ist, heute zeigt man sich bestenfalls in coolen Sachen, die ganz selbstverständlich nachhaltig sind. Allerdings eben längst noch nicht in der Masse. Wenn ich jetzt also gerade anfange, mich für Slowfashion zu interessieren. Wie oder wo fange ich denn da an?

Johanna: Ganz einfach mal reinschauen und gucken, wo ein Teil gemacht wird, ist schon mal ein ganz guter erster Indikator im Laden, oder? Und wenn ein T-Shirt fünf Euro kostet oder zehn, dann kann es ganz sicher nicht fair gemacht worden sein.

Anna: Andersrum gehen viele davon aus, wenn sie was Hochpreisiges kaufen, dann wird das schon in Ordnung sein. Ein Trugschluss?

„Nicht alles was teuer ist, ist automatisch ökologisch gut und fair.”

Sabine: Ein teurer Preis ist auf jeden Fall kein Garant für nachhaltige Produktion! Viele konventionelle Labels verdienen ganz viel Geld damit, dass ein großer Bestandteil einfach nur Marketing ist – und nicht zwingend jeder Euro direkt ins Produkt gesteckt wird. Also der Umkehrschluss funktioniert nicht. Nicht alles was teuer ist, ist gleich ökologisch gut und fair.

Anna: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Da fließt dann eher Kohle in Werbung und Testimonials, die dann ganz viel Geld bekommen – statt dem oder derjenigen, der’s gemacht hat.

Beim Thema Testimonials kommt Huoliquankai-Mitgründer Tim Seifert das aktuelle Projekt von Adidas in Kooperation mit Parley for the Oceans in den Sinn, für das auch schon Pharrell Williams geworben hat. Die Meeresschutzorganisation, mit der der Sportartikelhersteller zusammenarbeitet, fischt Plastikmüll aus dem Meer und macht daraus Upcycling-Garn für einen Teil eines Running-Schuhs.

Tim: Schärft sowas wirklich das Bewusstsein für nachhaltige Mode? Ich finde zum Beispiel der Schuh, der daraus entstanden ist, sieht super aus. Und den kaufe ich weil er cool aussieht. Aber ich informiere mich doch deswegen nicht zwangsläufig, wie der hergestellt worden ist.

Anna: Immerhin sitzt du jetzt hier und sprichst mit uns darüber.

Dörte: Erstmal ist jeder Schritt in die richtige Richtung zu begrüßen. Wichtig ist die Frage: Machen die das jetzt als einmalige Sache? Dann rutscht es natürlich sehr schnell in eine Marketingschiene rein. Wenn sie sich aber wirklich sagen „Ok, wir nehmen das als Aufhänger, unsere Firmenstrukturen zu beleuchten und zu gucken, was wir wirklich besser machen können”, also fortan besser mit Materialien umgehen und die einsetzen, die umweltfreundlicher sind, sodass man in ein paar Jahren tatsächlich Besserung sieht, dann finde ich’s cool.

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Anna: Die Frage ist wohl auch, wie realistisch es ist, so ein großes Unternehmen, wie eben zum Beispiel Adidas, von einem auf den anderen Tag ökologisch und ethisch korrekt umzurüsten. Oder ob man dem nicht etwas Zeit geben muss. Die Frage, die sich für mich da anschließt ist: Bis zu welcher Größenordnung ist es überhaupt möglich eco-fair zu produzieren? Kann das ein Adidas, ein Nike, ein H&M oder Zara überhaupt bieten

Johanna: Als kleines Designlabel kann man sich bewusst dazu entscheiden, eine kleinere Marge zu nehmen. Das können größere Unternehmen nicht. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass die Großen Nachhaltigkeit angehen. Was aber noch wichtiger ist: dass auch der Konsument eine große Macht hat. Der Kunde entscheidet ja, was und wieviel gekauft wird. Ich bin davon überzeugt, dass ein neues Bewusstsein für Nachhaltigkeit auf jeden Fall Wirkung zeigen kann.

Anna: Schafft man dieses Bewusstsein auch durch Transparenz, indem man seine Kunden mit ins Boot holt?

Sabine: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, ja. Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich mich natürlich auch für oder gegen etwas entscheiden. Gerade wenn es um die Masse an Kunden geht. Und das ist sicher auch ein Problem, denn nachhaltig ist natürlich oft auch teurer. Wenn ich eine vierköpfige Familie im Bioladen ernähren will, dann habe ich da am Ende schon einen anderen Kassenzettel.

Anna: Bei Nahrung schon, weil wir die wirklich täglich brauchen. Aber bei Kleidung muss ich einhaken! Da kann man sich ja durchaus frei für weniger entscheiden. Ich brauche ja nicht jede Woche eine neue Bluse. Müssen wir da nicht umdenken und unser Verhältnis zu Mode grundsätzlich verändern? Verzicht ist ja immer scheiße, aber vielleicht müssen wir über Wertschätzung sprechen.

„Ja! Man kann Fashion anders denken. Und man kann Konsum anders denken.”

Dörte: Wir nehmen das Umdenken sehr stark als Verzicht wahr, weil wir uns in der Mode daran gewöhnt haben, unheimlich viel zu konsumieren. Trotzdem muss das meines Erachtens nicht zwangsläufig so sein. Ich selbst habe bis vor zwei Jahren noch für die Elle gearbeitet und war jemand, der viel und gern Klamotten gekauft hat. Irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen: Brauche ich das überhaupt? Macht mich das glücklich? Und was macht mich überhaupt glücklich an Kleidung? Und dann habe ich beschlossen: Ich gehe nicht mehr auf die High Street. Klar wird es dann im Zweifel eher teurer. Das lässt sich aber auch umgehen.Zum Beispiel mit Vintage oder Secondhand oder sogar erschwinglicher Designer-Secondhand. Und vor allem durch ein bewusstes Einkaufen – weniger kaufen und sich gezielt nur noch für hochwertige Lieblingsteile entscheiden, die man dann auch wirklich gerne und lange trägt und die dann auch teurer sein dürfen. Was ich sagen will ist: Ja! Man kann Fashion anders denken. Und man kann Konsum anders denken.

Sabine: Wenn ich ein hochwertigeres Produkt kaufe, habe ich ja auch wieder länger was davon. Da ist das Qualitätsthema meiner Meinung nach ganz wichtig!

Johanna: Es kommt auch darauf an, wie man seine Sachen behandelt. Ich glaube das ist unserer Generation ein bisschen abhanden gekommen. Gute Schuhe darf man nicht jeden Tag tragen, die muss man zwischendurch schonen. Und ein guter Bügel ist besser als so ein Metall-Teil aus der Reinigung, der alles gleich ausbeult. Unsere Großmütter wussten sowas noch! Wer sein Produkt wirklich wertschätzt, kann es auch länger genießen.

Dörte: Und das fängt schon vor der Pflege an, nämlich bei einem guten Schnitt.

„Neue Begehrlichkeiten zu schaffen ist wichtig.”

Anna: Nachhaltigkeit kann oder muss also im Design schon mitgedacht werden – und kann dann vom Verbraucher durchs Treatment weitergeführt werden. Unsere Kleidung sieht dann länger besser aus – und gut aussehen ist ja schon meistens das, was wir wollen. Was die meisten nicht so wollen, ist belehrt werden. Da muss man meines Erachtens ein bisschen vorsichtig sein, wenn man den Consciousness-Gedanken und überhaupt diesen weiten Begriff Nachhaltigkeit vernünftig ausfüllen will. Wie transportiert man nun aber diesen ernsten, korrekten Qualitätsgedanken mit Sinn und Spaß?

Sabine: Ich denke da sind wir wieder bei dieser Image-Sache. Egal ob sich Adidas mit dieser Parley-Kooperation jetzt das Gewissen reinwäscht oder nicht – am Ende des Tages erreichen sie damit viele Menschen und machen das Thema Nachhaltigkeit für die Masse interessant und eben ein bisschen sexier. Das schafft neue Begehrlichkeiten. Das ist wichtig. Die Schwere muss aus dem Thema raus. Am besten funktioniert das über hochwertige Produkte, die auch beim Look keine Abstriche machen. Ich glaube Begehrlichkeit ist ein großer Faktor.

Tim: Ist das Imageproblem ein Kommunikationsproblem? Und wenn es genau so viel kostet: Schätze ich dann das nachhaltige Produkt mehr Wert, weil es unter besseren Bedingungen hergestellt wurde?

Sabine: Große Marken könne ja auch eine Limited-Edition rausbringen – schon ist es teurer und schon steigt die Wertschätzung. Große Brands haben da durchaus Möglichkeiten. Und natürlich eine besonders große Zielgruppe, die sie erreichen.

Tim: Ich denke nachvollziehbare Prozesse, Transparenz und Aufklärung können Käufer umkrempeln. Aber das dauert halt und ist auch eine Kommunikationsangelegenheit.

Johanna: Stimmt. Genau wie die Leute mittlerweile Eier von einem Huhn wollen, dass nicht nur im Käfig gehockt hat, sollten sie Kleidung wollen, die nicht von Kindern in Fabriken ohne Fenster genäht worden ist.

Ein Gast verweist auf die hohe Stückzahl, die das Produzieren, das vor 30 Jahren noch nachhaltig und lokal auf der schwäbischen Alp möglich war, kaputt gemacht hat. Dörte hofft auf die von ihr angesprochenen kleinen Labels, die wieder zum alten Handwerk zurück finden – sowohl in Deutschland, als auch in Indien. „Es geht darum, mit kleinen Betrieben nah zusammenzuarbeiten. Das sind meistens langjährige, gesunde und erfüllende Arbeitsbeziehungen.“

Ein Einblick in die Arbeit von Perret Schaad und The Lissome

„Wenn sich wirklich etwas verändern soll, dann müssen wir alle ran.”

Anna: Und wer trägt Eures Erachtens die Verantwortung dafür, dass so etwas mehr, die Modeindustrie wirklich verantwortungsbewusster wird? Die Designer, die Brands, die Presse oder sogar die Politik? Wer muss ran?

Dörte: Ich glaube wir müssen alle ran. Klar ist es für die Konsumenten aktuell noch total verwirrend, herauszufinden, was wirklich gut ist. Trotzdem bedeutet das für die Einzelnen nicht, dass sie sich einfach zurücklehnen können. Viel günstig kaufen und viel wegwerfen ist für Menschen und Umwelt immer schlecht, das kann man sich ja einfach merken. Aber auch die Produzenten haben eine hohe Verantwortung. Dadurch haben die Labels natürlich erst einmal einen Nachteil. Es ist teurer und muss viel besser durchdacht werden. Deshalb habe ich das Gefühl, dass es schon Sinn macht, wenn die Politik Vorgaben gibt. Sieht man zum Beispiel beim Rauchen – darf man nicht mehr, machen viel weniger Leute. Dazu kommt Aufklärung. Und dabei sind wiederum die Medien gefragt.

Sabine: Generell schließe ich mich an. Aus Markensicht sehe ich aber schon auch bei den Brands eine besonders große Verantwortung. Wer sich als Premium-Marke bezeichnet, sollte auch einen gewissen Anspruch an alle Teile der Wertschöpfungskette haben. Bis hin zu Vertrieb und Kommunikation. Da kann sich kein Brand aus der Verantwortung ziehen.

Einigen Dinner-Gästen bereitet die immer schneller wachsende Anzahl an Kollektionen Sorge. Große Ketten gehen mittlerweile von zwölf Saisons pro Jahr aus. „Und überall wird Werbung dafür gemacht, wirft jemand ein.“ Spätestens in Zeiten der Digitalisierung. „Die ganze Branche ist kaputt“, sagt ein Gast. „Und der Mensch ist selber schuld.“ Das Gute: Der Mensch kann es selbst wieder gut machen. Dazu braucht es in Zeiten von Social Media sicher auch starke Rolemodels. Und eine Instanz, die der Wirtschaft einen Riegel vorschiebt, so die Quintessenz. Denn solange es in einer Branche Geld zu machen gäbe, würde immer Geld gemacht. „Eine Regulierung des Marktes wird es nie geben. Wir müssen uns regulieren“, heißt es vom Kopf der Tafel. „Man sollte sich weniger darüber definieren, was man besitzt.“

Was können oder sollten wir also alle ab sofort tun? „Weniger kaufen – dafür mehr Qualität“, da sind sich alle vier Rednerinnen einig. Beim anschließenden Dessert auf der Terrasse wird mit Blick auf die Stadt noch untereinander weiter diskutiert. Der Dialog darüber, wie wir in Zukunft leben wollen, ist noch lange nicht zu Ende, aber immerhin hat er begonnen.

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Danke Stuttgart! Next Stop: Düsseldorf. The Sooner Now zieht weiter. Die gemeinsame Initiative von Huoliquankai und ist eine fortlaufende Auseinandersetzung mit den dringenden Fragen des urbanen Lebens – über Städte und Formate hinweg. Mehr zu den kommenden Veranstaltungen auf . Einen Rückblick auf das vorangegangene München-Dinner zum Thema Vertical Farming gibt es hier.

Alle Aktivitäten rund um lassen sich natürlich online verfolgen. Einblick in die Arbeit von Johanna Perret und Tutia Schaad, zusammen Perret Schaad, gibt es im Porträt auf Huoliquankai. Und Dörtes Arbeit in Sachen Nachhaltigkeit vermittelt ihre Plattform . Wer nach Ratschlägen für einige erste Schritte in Sachen Nachhaltigkeit sucht, dem sei das Online-Magazin unserer Autorin ans Herz gelegt: .

Text: Anna Schunck
Fotografie: