Raum zum Atmen: „Breathe” ebnet den Weg für ein bewussteres Leben in der Stadt
Ein Blick hinter die Zusammenarbeit zwischen MINI Living und SO – IL für Salone del Mobile, Milan
MINI × Huoliquankai
Features > Raum zum Atmen: „Breathe” ebnet den Weg …

Die Städte des 21. Jahrhundert stecken in einer Krise. Einerseits sind sie beliebter denn je: Junge Leute bevölkern die Ballungszentren und Start-up-Unternehmen bringen dynamische Branchen zurück in vergessene Stadtgebiete.

Andererseits treibt die Gentrifizierung Immobilienpreise in Höhen, die für viele unbezahlbar sind. Während die Volkswirtschaften sich nur langsam von der Konjunkturkrise erholen, wird großstädtischer Wohnraum vermehrt von Luxusimmobilien besetzt. Was den Kampf gegen den Klimawandel betrifft, stellen städtische Ballungsräume nicht zuletzt eine immense Belastung für die Umwelt dar.

Architektur und Design sind unentwirrbar in diese Situation verstrickt. Unsere gebauten Umgebungen prägen unser Alltagsleben. Sollten demnach nicht zunächst diejenigen umdenken, die sie gestalten? Der junge griechische Architekt Ilias Papageorgieu, Partner des preisgekrönten New Yorker Architekturbüros SO – IL, glaubt, dass Architekten nur langsam lernen, auf die neuen Bedingungen in den Städten einzugehen. Mit dem hohen Bedarf an nachhaltiger, flexibler Stadtentwicklung konfrontiert, haben MINI Living und SO – IL sich zusammengetan, um Breathe zu entwickeln: ein Pop-up-Wohnhaus in Mailand, das eine mögliche architektonische Antwort auf die Probleme der Städte darstellt.

Wie eine Erscheinung, die aus dem Nichts zu kommen scheint und sich ganz plötzlich wieder in nichts auflösen könnte, fügt sich Breathe in die enge Mailänder Seitenstraße.

„Eine der größten urbanen Herausforderungen besteht darin, die Architektur und Stadtgestaltung von ihrem aktuell eher passiven Zustand in ein aktives Ökosystem zu verwandeln.”

MINI Living ist eine fortlaufende Initiative, mit der das Unternehmen den „kreativen Umgang mit Platz” von seinen Autos auf Wohnräume überträgt, um Lösungskonzepte für aktuelle Wohnfragen zu entwickeln. 2016 hat MINI mit „Do Disturb” ein 30-Quadratmeter-Apartment vorgestellt, dessen dynamische Wände multiple Raumanordnungen ermöglichen. Die Wohnung wird zu einer „Mikro-Nachbarschaft”, mit anpassbaren Bereichen, gemeinschaftlichen und privaten, solchen zum Arbeiten und solchen für Freizeit. Es geht vor allem darum, die reduzierte Lebensweise des modernen Großstadtmenschen um neue, effiziente Raumkonzepte zu ergänzen.

Auch Breathe beschäftigt sich mit Fragen von Effizienz und Mobilität. Der Andrang auf die Stadtzentren „schafft Herausforderungen, wie beispielsweise hochverdichtete städtische Lebensbedingungen, denen jedes menschliche Maß und die Verbindung zur natürlichen Umgebung fehlt”, sagt Oke Hauser, Creative Lead bei MINI Living. „Eine der größten urbanen Herausforderungen besteht darin, die Architektur und Stadtgestaltung von ihrem aktuell eher passiven Zustand in ein aktives Ökosystem zu verwandeln”, fügt er hinzu. Hier kommt MINIs Kollaboration mit SO – IL ins Spiel.

Aus einem halbtransparenten, über ein Metallgerüst gespannten Mesh-Gewebe bestehend und anlässlich des Salone del Mobile 2017 in einer Mailänder Gasse installiert, ließe sich Breathe als eine Art „Geist” beschreiben, oder – wie Ilias es ausdrückt – als eine Erscheinung, die aus dem Nichts zu kommen scheint und sich ganz plötzlich wieder in nichts auflösen könnte. Wie ihr Zweck ist auch die Konstruktion der Behausung vergänglich; unverbindlich scheint sie sich auf einem ungenutzten Stückchen inmitten der vielfältigen Verflechtungen der geschäftigen italienischen Stadt niedergelassen zu haben.

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8783
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8622

Jenseits des Atlantiks, im Zentrum Brooklyns, befindet sich das SO – IL Büro in der zweiten Etage eines ehemaligen Beautysalons, wie es ihn im Großteil der Gebäude auf dieser Straße einmal gab. SO – IL hat die Räume zu einer leeren Leinwand umgestaltet, mit makellos weißen Wänden, breiten Fenstern, verglasten Besprechungszimmern und einer Maschine, mit der sich aus Schaumstoff Modelle formen lassen. Eins der fertigen, im Büro ausgestellten ist das des Breathe-Hauses. In Skelettbauweise gestaltet, verfügt es über einen ovalen Schaft und eine schräge Aussparung im unteren Bereich, die es Fußgängern ermöglicht, am Ende der schmalen Mailänder Gasse unter dem Gebäude hindurchzugehen. Sein Name nimmt sowohl auf seine ätherische Gesamtwirkung, als auch auf die Funktion des Gewebes Bezug, mit dem das Gerüst überspannt ist. Das gummiartige japanische Material, das aus einem Netz stecknadelkopfgroßer Löcher besteht, filtert aktiv die Umgebungsluft, um ihr Schadstoffe zu entziehen. „Es ist selbstreinigend”, sagt Ilias. Wenn sich das Material erwärmt, „zersetzt die Sonne Schmutzpartikel und andere Stoffe.”

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8426
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8730
Die Außenhaut von Breathe besteht aus einem selbstreinigenden Material, das in Japan entwickelt wurde. Es filtert die Umgebungsluft mithilfe von Sonneneinstrahlung.

„Nachhaltigkeit ist nicht bloß so eine Sache; sie ist vielmehr ein Prozess, etwas, das kein Ende hat”, fährt er fort. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute – auch Architekten – das Thema angehen, als sei es eine abschließende Lösung oder ein Ergebnis.” MINI Livings Oke Hauser greift den Prozessgedanken auf: „Wir haben ein Haus geschaffen, das als aktives Ökosystem einen positiven Beitrag für seine Umgebung leistet.”

Die Transparenz der Behausung im Ganzen erfüllt jedoch eine andere Funktion. „Als Architekt kann man den Menschen helfen, ein größeres Bewusstsein für ihre Umgebung und ihre Umwelt zu entwickeln”, sagt Ilias. Breathe wird von Luft und Licht durchflutet, entsprechend ist der gesamte Raum erhellt. Es gibt nicht wirklich Wände; die Grenzen der Innenräume sind bewusst unklar und man weiß immer, wo sich die anderen Bewohner gerade aufhalten, weil sie Schatten werfen – beinahe so, wie bei traditionellen japanischen Shōji-Paneelen. „Wir wollten diese Durchsichtigkeit, um eine Verbindung zwischen den Menschen schaffen”, fährt der Architekt fort. „Man sollte die verschiedenen Geräusche und Silhouetten anderer Personen, die sich im Haus bewegen, wahrnehmen können.”

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8767
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-Milan-8958

„Das höchste Ziel liegt darin, einen Ethos der Fürsorge zu kultivieren.”

Das höchste Ziel liegt laut Ilias darin, einen „Ethos der Fürsorge zu kultivieren.” Das Gebäude verbindet Menschen mit anderen Menschen und mit ihrer Umgebung. Aber Breathe ist kein herkömmliches Familienhaus. Eher scheint sein Ansatz mit Co-Living-Konzepten verwandt, wie sie von Firmen wie WeWork und Roam entwickelt werden. In Zeiten, in denen traditionelle Familienformen zunehmend durch vielfältige Verbünde von Freunden, Partnern und Kollegen abgelöst werden, zeigt sich auch Breathe flexibel, um sowohl eine Kleinfamilie, als auch eine kleine Gruppe beherbergen zu können. Es gibt drei Wohnbereiche, die an einer Seite der Segmentstruktur übereinander angeordnet sind, außerdem ein offenes, gemeinschaftliches Atrium, eine Küche und ein Wohnzimmer im Erdgeschoss. Auf dem Dach wurde eine begrünte Terrasse angelegt, die Wasser für das Haus auffängt.

Breathe ist als Behausung für das digitale Nomadentum ausgelegt, mit dem sich heute so viele identifizieren. Ob Unternehmer, Künstler, DJs, oder Consultants – Jobs und berufliche Werdegänge sind weit weniger festgelegt, als sie es mal waren. Entsprechend passt sich auch Breathe verschiedensten lokalen Bedingungen an. „Wer in ein sehr kaltes Klima zieht, wie es beispielsweise in Sibirien herrscht, der könnte eine Außenhaut aufziehen, die wärmedämmend wirkt. In Städten wie New York käme einem hingegen etwas Lärmschutz zugute”, fügt Ilias hinzu, als auf der Straße vor dem Büro ein besonders lauter Presslufthammer angeworfen wird.

In den Büros von SO – IL

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-6881
Ilias erklärt den Entstehungsprozess von Breathe anhand des Modells im Büro von SO – IL.

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich SO – IL immer wieder mit solchen Flexibilitätskonzepten auseinandergesetzt. Das Unternehmen wurde im Jahr 2008 von Florian Idenburg und Jing Liu gegründet (die beiden Architekten sind ein Paar und seit 2006 verheiratet). Ilias ist von Beginn an dabei; Florian, der damals noch für das japanische Architekturbüro Sanaa arbeitete, hat er während seines Studiums an der Harvard Universität kennengelernt. SO – ILs Anfangszeit wurde durch die Finanzkrise erschwert. Aber die Herausforderung hat dem Unternehmen auch dabei geholfen, zu dem zu werden, was es heute ist. „Wir waren so klein es nur irgendwie ging”, sagt Ilias. „Aber vielleicht hat uns gerade das ermöglicht, zunächst mal herauszufinden, wie wir eigentlich an die Architektur herangehen wollen, anstatt direkt an großen kommerziellen Projekten zu arbeiten.”

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-6842
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-6830
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-6886

„Heute ist doch alles entfesselt. Frei und ungebunden bewegen wir uns in einem Netzwerk von Schnittstellen und Referenzpunkten umher.”

Das Projekt, durch das SO – IL im Jahr 2010 erstmals breiteres Ansehen erlangte, war eine Installation namens Pole Dance für das MoMA PS1. Die Architekten hatten eine Ausschreibung des Young Architects Programms des Museums gewonnen und daraufhin eine Reihe von Stangen in dessen Innenhof aufgestellt, die ein Netz voll rollender Wasserbälle hielten. Die Hängematten und Schwimmbecken überspannende Netzkonstruktion verwandelte den Platz in eine rege Party, die zwischenzeitlich von echten, sich um die baulich bedingten Stangen windenden Pole-Tänzern angeheizt wurde.

Mit dieser Dynamik wollte man den allgemeinen Zustand der Welt widerspiegeln: „Heute ist doch alles entfesselt. Frei und ungebunden bewegen wir uns in einem Netzwerk von Schnittstellen und Referenzpunkten umher”, erklären es die Architekten in ihrem Konzept. Durch das symbolträchtige Projekt hat das Unternehmen nicht nur unmittelbar neue Kunden gewonnen, sondern auch jene eigene Formensprache etabliert, die sich im Breathe-Haus fortsetzt.

Ein weiteres der im SO – IL Büro ausgestellten Modelle lässt sich am besten als schmaler Turm mit gemusterter Fassade und großen Fenstern beschreiben. Als Wohnungsbauprojekt für den Bezirk Kips Bay in Manhattan sollte mit dem Modell ein Konzept für Kleinstwohnungen getestet werden, die als Einzelapartments über gerade genug Raum verfügen, um zwei Personen bequem zu beherbergen. Das gesamte Gebäude ist so angelegt, dass es eher den Bedürfnissen von Einzelpersonen als Familien entspricht, seine Strukturen sind somit sehr viel dichter, als die herkömmlicher Wohnimmobilien. Doch Effizienz bedeutet kein Defizit an Lebensqualität. „Es ist ein so schmales Gebäude, dass jedes einzelne Apartment über Querlüftung, gute Lichtbedingungen und Außenraum verfügt”, sagt der Architekt. Zudem gibt es im Erdgeschoss einen gemeinschaftlichen Arbeitsraum.

Highlights aus dem Archiv von SO – IL

Weiter nördlich in Greenpoint, einer Nachbarschaft Brooklyns, befindet sich A/D/O, MINIs kreatives Versuchslabor, gestaltet von nARCHITECTS. Der offene Raum verläuft nahtlos vom Buchladen über den Galerieraum und das Gemeinschaftsbüro bis hin zum Restaurant, aus dem man durch bodentiefe Fenster auf die Industriestraße blickt.

Auch A/D/O gehört zu MINI Living – jener Initiative, die sich zur Aufgabe gemacht hat, innovative Raumkonzepte für überlaufene Städte und Stadtmenschen mit hohem Flexibilitätsanspruch zu finden. „Neben Büroplätzen bieten wir mit unserer hausinternen Designakademie rigorose Schulungsprogramme rund um die aktuelle Problematik der Raumgestaltung an”, sagt Oke Hauser. „Darüberhinaus laden wir die Öffentlichkeit zum Mitmachen ein: das Gebäude ist zwar eigentlich für Gestalter gedacht, aber dennoch offen für alle.”

Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-7018
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-7203
MINI Livings Schwesternprojekt, A/D/O, sitzt in einem vom nARCHITECTS umgestalteten Lagerhaus in Greenpoint.
Freunde-von-Freunden-SO-IL-MINI-NYC-7075

„In unserer Generation ist es mit diesem Gedanken der Dauerhaftigkeit – dass man an einen Ort geht, an dem man sich einrichtet und ein Leben lang bleibt – vorbei.”

Bei einem Kaffee im sonnigen A/D/O Café erörtert Ilias die Veränderungen der Lebensweise, auf die Architektur in seinen Augen nicht nur eingehen, sondern im Gegenzug auch gestalterisch einwirken muss. Gebäude reagieren nur langsam auf die Realitäten vor Ort. „Die Technologien sind sehr gut, aber sie entwickeln sich viel schneller, als die Architektur”, sagt er. „Wir werden die Wirtschaft oder die Art und Weise, in der die Gesellschaft organisiert ist, nicht durch die Architektur ändern, aber wir können zumindest die Räume definieren, in denen sich die Dinge zukünftig abspielen werden“, fügt er hinzu.

„In unserer Generation ist es mit diesem Gedanken der Dauerhaftigkeit – dass man an einen Ort geht, an dem man sich einrichtet und ein Leben lang bleibt – vorbei”, sagt der Architekt. „Das ist einerseits schön, weil es uns ermöglicht, viele verschiedene Orte der Welt zu erleben, aber vielleicht ist es auch eine Einschränkung. Wir können keine Immobilien kaufen, unsere Lebenssituationen sind unsicherer.” Neue Gebäudetypologien, wie SO – IL sie gestalten, werden uns helfen, mit den Veränderungen der uns umgebenden Stadtlandschaft umzugehen. „Ich denke wir können Lösungen finden, die eine sehr hohe Raum- und Lebensqualität ermöglichen.”

Le Corbusier hat das Haus als „Wohnmaschine” beschrieben. Rückblickend sieht Ilias es eher als eine Art Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine: Viele unserer Haushaltsgeräte beruhen doch auf dem Mechanismus, technologische Ressourcen auf das häusliche Leben anwendbar zu machen. Nun jedoch, mit Start-ups die uns Lebensmittel liefern, mit Airbnb, Coworking-Räumen und Uber, brauchen wir gar nicht mehr so viele Maschinen in unseren Wohnungen. Das bedeutet auch eine Neudefinition von Wohnraum.

„Es ist schön zu kochen, aber man kann heute eben alles mit dem Wisch seines Fingers erledigen, und vielleicht eröffnet das neue Möglichkeiten. Man kann erstaunliche Umgebungen schaffen, die all diese Elemente nicht brauchen, sagt er. “Es geht vor allem um das Erlebnis, um den Ort selbst, und die Freude daran.”

 

Huoliquankai und MINI haben sich zusammengetan, um neue Ideen für das zukünftige städtische Leben zu erforschen – anhand von Geschichten aus unserem gemeinsamen Netzwerk und in Begleitung von MINI Livings internationaler Zusammenarbeit mit Architekten und Designern. Mehr Informationen über die Arbeit von MINI Living finden sich in unserem Interview mit Oke Hauser oder auf der MINI Living .

Danke,

Ilias und Oke, dass wir an der Geschichte hinter Breathe teilhaben durften. Es hat großen Spaß gemacht, die Installation während des Salone del Mobile in Mailand zu erkunden. Ein großes Dankeschön geht auch an  und das  Büro, die wir in New York besuchen durften.

Text: Kyle Chayka
Übersetzung: Anna Sinofzik
Fotografie: Mark Wickens (New York) & Robert Rieger (Mailand)