Gemeinschaft und Zusammenarbeit: Die Konzeption eines zukünftigen Lebensraums
Wie der Londoner Architekt Asif Khan es schafft, durch große und kleine Designprojekte Menschen zusammenzubringen, London
MINI × Huoliquankai
Interviews > Gemeinschaft und Zusammenarbeit: Die Konzept…

Von Charles Baudelaire und Walter Benjamin bis hin zu Theoretiker George Simmel und darüber hinaus: die Rolle des Flaneurs hat seit jeher unser Verständnis von und unsere Anteilnahme an urbanen Metropolen, die wir unser Zuhause nennen, geprägt und bereichert.

Die Reise in das Leben und das Arbeiten des Londoner Architekten Asif Khan umfasst, wie sollte es anders sein, einen Spaziergang durch London, eine Stadt, die er seinen Lebensmittelpunkt nennt. Es ist ein Spaziergang insbesondere durch den Stadtteil Hackney, in dem Asif mit seiner Frau und zwei Kindern nahe des Victoria Parks lebt, seitdem er seinen Geburtsort im Süden Londons verließ. Hackney ist ein Teil Londons, der sich, mehr noch als andere Teile der Stadt, aufgrund einer stetigen Entwicklung und hoher Nachfrage an Immobilien in einem kontinuierlichen Wandel befindet. Hochhäuser, in denen sich zumeist städtische Sozialwohnungen befinden, ragen über die malerischen georgischen Terrassen, pulsierende multikulturelle Einwanderer-Communities die sich den wenigen Raum mit der in einer Blase lebenden frisch Zugezogenen, sogenannten ‘young professionals’ teilen (solche, die überwiegend im Finanzsektor oder der Kreativindustrie tätig sind).

“Das Leben hat solch eine Dynamik—in einem Moment möchtest du dem Ganzen entfliehen, im nächsten Moment möchtest du dich integrieren.”

“Wenn mein Vater uns in unserer ersten Wohnung in der Roman Road besuchte, war das meist mit Enttäuschung seinerseits verbunden,” sagt Asif. “Er zog Anfang der 60er Jahre aus Pakistan nach London. Als er unsere Wohnung verließ, sagte er, er habe dasselbe Gefühl wie zu jener Zeit, als er zum ersten Mal in London ankam.” Khan Senior konnte nicht verstehen, wie sein Sohn freiwillig in eine Gegend zog, die vermeintlich (jedenfalls oberflächlich betrachtet) Armut zu imitieren versuche; eine Armut, mit der er und Asifs Mutter, aus Tansania stammend, als Einwanderer konfrontiert waren—eine Armut, der sie mit kontinuierlicher Arbeit zu entfliehen suchten. “Ich erklärte ihm, dass dem heutzutage eine andere Bedeutung zukomme—das Leben hat heutzutage eben solch eine Dynamik. In einem Moment möchtest du dem Ganzen entfliehen, im nächsten Moment möchtest du dich integrieren.”

Integration, Miteinbeziehung… all dies sind Themen, zu denen Asif von Zeit zu Zeit zurückkehrt, aufbauend auf persönlichen Erfahrungen, die sich in beeindruckenden Arbeiten manifestieren. “Ich habe keine Zeit für Ausgrenzung,” sagt er, während er sich durch einen Zug afro-karibischer Frauen windet, die sich auf dem Weg zur Kirche befinden, gekleidet in farbenfrohe Stoffe, die das Grau des Betons, zwischen Homerton und Victoria Park, aufleuchten lassen. “Möglicherweise habe ich dieses Werteempfinden meinen Eltern, die Sozialarbeiter sind, zu verdanken. Meine Eltern sind mitfühlende Menschen und dadurch habe auch ich gelernt Empathie zu empfinden. Es ist die Pflicht oder auch Verantwortung zum Verständnis [sowohl in der Sozialarbeit als auch in der Architektur].”

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8387
Asifs Sonntagmorgen beginnt in der unscheinbaren Well Street Kitchen in dem verträumten Viertel Homerton. Jenseits des Wahnsinns, welcher so charakteristisch für die Stadt London ist, je weiter man gen Westen fährt.

East London und Asif Khans Architektur

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8419
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8404

Pavilion Cafe im Victoria Park

Besuch eines frühen Projektes in der Nachbarschaft

Das Pavilion Café, welches den See im Victoria Park überblickt, ist das erste und möglicherweise hingabevollste Beispiel dieser Werte in Architektur gegossen. Das Café war eines seiner ersten Projekte, das Khan in Zusammenarbeit mit dem Eigentümer Rob Green schuf: Ein viktorianischer Pavillon aus den 80er Jahren, dem durch das frische Innendesign und das Schaffen von Kontrasten neues Leben eingeflößt wurde, das große domartiges Dach hebt sich von den schwarzen Wänden und einer überdachten Sitzecke ab. Bei all dem Reiz dieses Ortes für East Londoner, lenkt Khan unsere Aufmerksamkeit auf einen ungewöhnlichen Aspekt des Cafés: Man kann hier nach wie vor ganz altmodisch Tee für nur ein Britisches Pfund trinken. Das bedeutet für die alteingesessenen Bewohner des Stadtteils, die möglicherweise finanziell nicht können (oder wollen), dass diese keine zehn Pfund für Avocado auf Sauerteigtoast ausgeben müssen (“das beste Sauerteigbrot in London”, sagt man). Sie können trotzdem Gast im Café sein und das Ambiente genießen. Wenn man sich diese Konzeption vor Augen hält, wird einem bewusst, warum Khan den Außenbereich ebenso designte: Indem man Räume durch das Beseitigen von Barrieren und Grenzen in den Innenbereich öffnet, überwindet man gleichzeitig auch die Stigmatisierung derer, die das Café möglicherweise auf andere Art und Weise nutzen möchten.

Restaurants und Cafés haben immer eine bedeutende Rolle in Asifs Karriere gespielt. Seinen Abschluss erlangte Asif 2008, als sein kindlicher Idealismus von der Idee des “Architekten” plötzlich auf die Realität einer weltweiten Finanzkrise traf. Asif sah sich schlagartig gezwungen, aus dem nichts unternehmerische Fähigkeiten zu entwickeln, eigenständig und in eigener Regie zu arbeiten bis “letztendlich die Welt um mich herum gleichziehen würde”. Es waren vor allem gastronomische Betriebe, die von Asifs Konzeptionen und Ideen angetan waren. “Ich wuchs in einem Haushalt auf, dem nur ein geringes Einkommen zur Verfügung stand, was bedeutet, dass wir nicht oft Restaurants besuchten. In einem Restaurant zu speisen war eine echte Belohnung, ein Event sogar. Vielleicht haben Restaurants gerade deswegen eine besondere Faszination für mich.” Er erklärt sodann, welche faszinierenden Parallelen er zwischen Restaurant und Theater zieht, Orte, “die für ein paar Stunden täglich zu öffentlichen Räumen werden, bevor sich der Vorhang wieder zuzieht und sie sich wiederum in private Orte verwandeln. Dies alles folgt einem interessanten Rhythmus, und das Ganze geht einher mit einem wundersamen Trick, den ich sehr interessant finde.”

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8405
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8483

Chisenhale Grundschule

Ein Spielplatz bekommt ein cleveres räumliches Update

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8542
Der Spielplatz der Chisenhale Primary School: Ein ganz persönliches Projekt für Asif, der das “waghalsige” Spiel durch eine sorgfältig platzierte Konstruktion aus Stahl, Holz und Gummistoffen zu lenken versucht.
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8493
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8508
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8513
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8553
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8561
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8559

Asifs letztes Projekt, die MINI Living Installation Forests, fühlt sich an wie eine Sammlung all jener lang ausgereiften Ideen. Dorthin wird er auch als nächstes hin aufbrechen, nach einem kurzen Umweg über den Spielplatz, den er kürzlich für die Schule seiner Kinder in Hackney designte. Die Installation Forests war Teil des London Design Festivals und wurde mit Hilfe von Jin Ahn, der Gartenspezialistin und Inhaberin des Stores Conservatory Archives, umgesetzt. Themen der Installation Forests, insbesondere Community, Kollaboration und Besinnung, ziehen sich durch das gesamte Werk. Verteilt auf drei Orte, unweit der Old Street, besteht jeder Quader des Forests aus schlichten Platten aus Polycarbonat, die Jin mit Pflanzen befüllte. Jede dieser Platten wurde mit einer unterschiedlichen Zweckrichtung designt—zu ‘Verbinden’, ‘Gestalten’ und ‘Entspannen’—all dies mit der Intention Communities zusammen zu bringen. Als wir den ersten Forest erreichen, signalisiert uns Asif bereits wie sich das Projekt auf das Zusammenleben unterschiedlicher Communities auswirkt.

Eine belebte Promenade, mit zahlreichen Bars, die sich in Richtung Shoreditch High Street erstreckt, während am Kreisverkehr der Old Street die unverwechselbaren Merkmale unermüdlicher Investitionen emporragen: riesige, zeitgenössische Bürokomplexe starren auf Kebab-Läden und Sozialwohnungen herab, die die Räume dazwischen füllen. Asif erzählt uns, dass er jeden Tag diese drei verschiedenen Gesellschaften oder Communities sieht—die Geschäftsleute, die Nachtmenschen, die irritierte lokale Bevölkerung—nebeneinander lebend, deren Lebensalltag sich jedoch grundsätzlich nicht “überschneidet”, wie er beschreibt. Forests stellt Räume zur Verfügung, in dem diese Routine unterbrochen wird. Während wir uns kurz auf einer Parkbank, die sich innerhalb der ‘Verbinden’ Installation befindet, niederlassen, erklärt uns Asif, dass die korridorartige Installation nicht nur als eine mit Pflanzen gefüllte Alternative für den täglichen Arbeitsweg dienen soll. Die Installation kann vielmehr auch ein Ort für Mittagspausen sein, oder gar ein Ort der Zuflucht, um beispielsweise dem Alltag gänzlich zu entkommen. Beinahe wie aufs Stichwort, setzen sich ein Vater und seine zwei Kinder neben uns, Sandwiches und Getränkekartons in der Hand, und tun das soeben Gesagte—sie befinden sich auf einmal in einem Gespräch mit einem international renommierten Architekten. Forests ist eine wunderschöne erhabene und zugleich schlichte Installation, eine Installation, die eine längere, möglicherweise dauerhafte Lebenszeit verdient als lediglich die neun Tage des London Design Festivals.

Conservatory Archives

Gestalten des ‘Forests’ mit Hackneys Gartenbau Architektin

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8600
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8592
Asif arbeitete für das Projekt Forests mit Jin Ahn von Conservatory Archives zusammen. Conservatory Archives liegt inmitten des Treibens der Märkte und des Verkehrsdrehkreuzes von Bethnal Green. Die Gartenspezialistin Jin Ahn hat bereits in der Vergangenheit mit COS zusammengearbeitet um dabei ihre sinnlichen Pflanzen für unbekanntes Publikum zum Leben zu erwecken.
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8580
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8621

Entspannen, Verbinden und Gestalten Räume

Verbinden des Öffentlichen und Privaten in der ‘Forests’ Installation beim LDF

Der ‘Entspannen’ Teil der Installation Forests wurde als Rückzugsort designt, um dem Treiben der Old Street zu entkommen. Die welligen Wände absorbieren den Lärm der Straße und ermöglichen es den Besuchern eine kurze Ruhepause zwischen dem ganzen Laub einzulegen.

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8670

“Museen sind Orte, an denen man auf die Vergangenheit trifft, aber die Vergangenheit holt uns auch zugleich ein.”

Es passt daher, dass Asifs nächstes Projekt sein bisher größtes (und auch anspruchsvollstes) sein wird. In Zusammenarbeit mit Stanton Williams, designt Asif ein neues permanentes Zuhause für das Museum of London am Smithfield Market—unweit der Forests Installation. Als die trüben weißen Wände des Forests langsam im Rückspiegel des Londoner Busses verschwinden, beginnt Asif sich treiben zu lassen und seine ambitionierten Visionen bezüglich des Museums in Worte zu fassen. “Museen sind Orte, an denen man auf die Vergangenheit trifft, aber die Vergangenheit holt uns auch zugleich ein,” sagt er. “Das Erbe ist vielmehr im jetzt, wir wollen wissen, was wir letztes Jahr getan haben.” Museen sollten dies einfangen, führt er weiter aus, aber er möchte aus dem Museum of London auch einen Ort machen, an dem man “zurückblicken kann während man zugleich, wenn vielleicht auch nur auf Makroebene, die Zukunft prognostiziert… Stell dir vor, du bist ein Ingenieur für Elektrotechnik und du hast ungehinderten Zugang zu Brunel und zu all den Informationen des TFL [Transport of London] und du verfügst zudem über eine futuristische Sichtweise bezüglich Mobilität, wie fahrerlose Fahrzeuge.”

Um all dies zu erreichen, muss man einen Ort designen, “welcher zum einen der Öffentlichkeit zugänglich ist, zugleich aber auch Zugang zu Forschungszentren und Inkubatoren um den öffentlichen Platz herum ermöglicht, um so alternative Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.” Als nun alles Wissen geteilt scheint und die Zeit merklich davon rennt, kann man sich kaum dem Verlangen entziehen, nochmals zu Asifs frühem Schaffen und seiner Konzeption von Restaurants zurückzukehren. Er strebt danach, die Frage nach geschlossenen und offenen Räumen zu umgehen und möchte diese Vision wunschgemäß an öffentlichen Orten umsetzen. In einer Zeit, in der Worte wie ‘Inklusion’ und ‘Community’ zunehmend marginalisiert erscheinen, wirken Khans Werke wie das Manifest für ein zukünftiges Zusammenleben, die Vision von einer Zukunft, in der diese beiden Begriffe wieder in unser Bewusstsein gerufen werden. “Ich denke, ich suche stetig nach einem Ort, an dem nicht lediglich diese beiden Zustände anzutreffen sind,” sagt er. “Nach einem einen Ort, an dem der Vorhang nicht fällt—es keiner Tricks bedarf und keine Abgrenzung stattfindet.”

Der ‘Gestalten’ Teil wurde als Arbeitsplatz designt, ausgestattet mit Steckdosen, der Besuchern die Möglichkeit bietet, ihre Laptops mitzubringen. Dieser Teil der Installation wurde absichtlich inmitten der städtischen Wohnsiedlung platziert, um Begegnungen zwischen unterschiedlichen Communities zu ermöglichen.

Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8688
Freunde-von-Freunden-Asif-Khan-8682

Der ‘Verbinden’ Teil ist als alternativer Gehweg gedacht, der es Touristen und Menschen auf dem Arbeitsweg gleichermaßen ermöglicht, die Kreuzung der Old Street zu umgehen. Der Gehweg umfasst Parkbänke, die einladen für einen kurzen Moment darauf zu verweilen; möglicherweise Mittag zu essen.

asif_khan_selects-8725

Vielen Dank, Asif, dass du uns auf einen Spaziergang durch East London mitgenommen hast und uns dadurch Einblicke in dein Leben, deine Ideen und dein Schaffen gezeigt hast. Weitere Informationen zu Forests finden sich auf der Website des . Für einen Überblick über Asifs Werke empfiehlt sich ein Blick auf seine .

Huoliquankai is von den Möglichkeiten Stadtbilder zu gestalten ebenso fasziniert wie unsere Freunde und Partner von . Zusammen erforschen wir innovative Architektur und möchten das Potential urbaner Lebensweise nutzen und optimieren. Um diese Vision zu verwirklichen, kollaborierte MINI Living mit dem progressiven Architekten Asif Khan und zusammen riefen sie die Serie ‘Third Spaces’ ins Leben: Orte, die das Öffentliche und Private verbinden, die Installation ‘, die im Rahmen des zu sehen ist.

Text: James Darton
Fotografie: Liz Seabrook