Vom Suchen und Finden der kreativen Vision mit Fashion Creative Director Chang Lin
Nach seinen ersten Erfahrungen währen der glorreichen 90'er Jahre bei Jil Sander, verwirklicht Chang Lin jetzt seine High-Fashion Vision auf Deutschland's größter Fashion-Platform, Berlin
Zalando × Huoliquankai
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Chang Lin’s sonst eher geradlinige Wohnung eröffnet bei näherem Hinsehen einen interessanten Bruch. Abgesehen von den obligatorischen High-Fashion Referenzstücken, schafft es Chang immer noch Platz für Kitsch einzuräumen.

“Es ist schwer, wirklich gute Schneekugeln zu finden,” sagt Chang, während er eine seiner Lieblinge hochhält – die Lagy Gaga Schneekugel, eine Sonderedition, die er bei Barney’s in New York erstanden hat. Von jeder seiner Reisen bringt Chang eine Schneekugel in seine gegenwärtige Heimat, Berlin-Mitte, mit und schließt dadurch die einzelnen Erinnerungen in diese ewige, weiße Wunderwelt ein. Die schimmernden Flocken, die um die Cartoon-Version von Lady Gaga tanzen halten einen solchen absurden Widerspruch inne, der gleichzeitig doch so zwingend logisch in der Wohnung des Creative Directors von Zalando wirkt. Chang stahlt eine sehr natürliche und entspannte Grundhaltung aus, mit der er es schafft, ohne Probleme zwischen seinem Alltag und seiner Arbeit einen ausgewogenen Ausgleich zu finden.

Seit April 2015 verantwortet Chang, der bereits knapp 20 Jahre in der Branche arbeitet und sich mit aufsehenerregenden Kampagnen einen Namen gemacht hat, den Auftritt der Marke. Er gilt als einer der stärksten konzeptionellen Denker des Business – als einer, dem es gelingt, mit viel Feingefühl die Essenz von Labels wie Jil Sander und Nike zu erfassen und sie mit reduzierten, aber wirkungsvollen Bildern auf den Punkt zu bringen. In Sachen Zalando bedeutet das, dass überdrehte Spots, in denen Kunden kreischend Pakete annehmen, der Vergangenheit angehören. Stattdessen gibt es hochwertige Produktionen mit Stars wie Topmodel Anna Ewers, die im im aktuellen sportlichen Spring Summer 16 Kampagne zu reduzierten Hiphop-Beats posiert. Im Vordergrund steht hier die Mode, nichts lenkt ab. „In einer Welt, die uns mit Angeboten überflutet, müssen wir konkrete Aussagen treffen“, beschreibt Chang das Konzept.

Chang Lin

Für die Realisierung seiner Ideen arbeitet er mit Kreativen aus der ganzen Welt: „Ich genieße es, ein junges Team zu leiten. Davon lebt unsere Branche und es eröffnet auch mir immer wieder neue Perspektiven“, erklärt uns der Creative Director sein Verhältnis zu seinen Kollegen. Die Produktionen seiner Kampagne werden an Orten wie Los Angeles und New York umgesetzt, die Ideen entwickelt er in Berlin. Doch gerade, weil er so viel unterwegs ist, betrachtet Chang seine eigenen vier Wände in Berlin-Mitte als Oase der Ruhe. Chang mixt hier minimalistisches Interieur mit detailverliebter Dekoration. Wenn er abends mit dem Taxi das Zalando-Office in Friedrichshain verlässt (er besitzt keinen Führerschein) und in Richtung Mitte fährt, lässt er den Job komplett hinter sich. Alles, was in irgendeiner Weise damit zu tun hat, wird strikt aus seinem privaten Raum verbannt. Warum er ab und zu gerne den Rückzug wählt und wie es seine Haltung gegenüber seiner Arbeit bestimmt, hat er uns im Interview erklärt.

Chang Lin
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„Jil Sander hat mir beigebracht niemals zu stagnieren und sich jeden Tag wieder aufs Neue in Frage zu stellen.“

Deine Wohnung zeugt von einem Menschen, der sich ab und zu gerne bewußt von der Außenwelt abschneidet. Schöpfst du aus dem Abstand deine Kreativität?

Ja, dadurch fokussiere ich mich auf das Wesentliche. Ich arbeite natürlich aus Leidenschaft in der Modebranche, nichtsdestotrotz geht es hier oft um Oberflächlichkeiten. Es ist sehr verführerisch, sich darin zu verfangen. Die Leidenschaft an der Kreation muss immer im Mittelpunkt stehen – nicht die großen Namen oder der Drang, etwas darstellen zu wollen. Sich von Äußerlichkeiten zu distanzieren, macht den Blick für Neues frei.

Hat dein Einstieg in die Modebranche bei Jil Sander diese Einstellung geprägt?

Ja klar. Frau Sander ist ein sehr zurückhaltender Mensch, das Design stand für sie immer an erster Stelle, nie das Tamtam drumherum. Als ich bei Jil Sander anfing, befand sich das Unternehmen gerade in der Hochphase – dass war Mitte bis Ende der 1990er Jahre. Frau Sander zählte damals zu einer der innovativsten Designerinnen ihrer Zeit. Gemeinsam mit Helmut Lang und Maison Margiela prägte sie den Minimalismus in der Mode. Auch ihre Art zu arbeiten, kreativ zu sein, hat mich für meine berufliche Laufbahn maßgeblich geprägt. Sie hat mir beigebracht, niemals zu stagnieren, sich jeden Tag wieder aufs Neue in Frage zu stellen und nie zu glauben, dass man alles kann oder alles weiß. Nur so kann man sich völlig unvoreingenommen auf neue Dinge einlassen. Außerdem hat es Jil Sander verstanden, sich als Teil eines kreativen Kollektivs zu sehen. Sie hat es geschafft, Menschen mit großem Potenzial wie Nick Knight oder David Sims um sich zu vereinen. Im Team haben wir unglaublich innovative Kampagnen entwickelt, die das Image der Marke Jil Sander bis heute definieren.

Deine Mutter ist Japanerin, dein Vater Chinese. Inwieweit beeinflusst dich ihr kultureller Background?

Das ist natürlich schwer auszumachen, da man ja ganz selbstverständlich damit aufgewachsen ist. Um es ganz vereinfacht zu sagen: Die Ästhetik und das Visuelle habe ich von der japanischen Seite. Form und Disziplin sehe ich eher in meiner chinesischen Hälfte verhaftet und natürlich den Sinn für Diplomatie.

Eine weitere Dualität – du pendelst viel zwischen Berlin und New York. Warum sind diese beiden Metropolen so wichtig für dich? ?

Berlin ist die einzige Stadt in Deutschland, die einer internationalen Großstadt gleich kommt. Hier kann ich auch ohne offensichtlich “deutsch” auszusehen, anonym bleiben und das gibt mir ein Gefühl von Integration. Ich möchte damit nicht sagen, dass das auf dem Lande nicht möglich ist. Ich würde aber einfach mehr auffallen. New York ist für mich eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, hier trifft man vor allem auf die perfekte Symbiose von Kunst und Kommerz. Trotzdem nenne ich Berlin mein Zuhause, in New York lebe ich aus dem Koffer und in Hotels. In jüngster Zeit ist außerdem noch Los Angeles zu einem wichtigen Angelpunkt für mich geworden. Dort produzieren wir einen Großteil unserer Kampagnen, da die Arbeitsvoraussetzungen phänomenal sind: Sonnenlicht zum einen, die Hollywood-Maschinerie zum anderen. Dadurch hat man nicht nur einen Zugriff auf hochwertiges Equipment, sondern auch auf sehr qualifizierte Menschen. In Los Angeles habe ich einen Teil von mir entdeckt: Lässigkeit.

Man sagt den Amerikanern nach, dass sie im Job flexibler sind. Du bist dafür bekannt, dass du bei Bedarf ganze Teams räumlich neu zusammenstellst. Bist du damit in einem deutschen Unternehmen wie Zalando auf Widerstand gestoßen?

 

Nein, überhaupt nicht. Klar war es für manche Kollegen zunächst mal ungewohnt. Flexibilität hat meiner Meinung nach aber nichts mit der Nationalität zu tun. Bei solchen Aktionen ist es wichtig, die Leute abzuholen und ihnen zu erklären, warum es mehr Sinn für mich macht, einige Kollegen in einer bestimmten Phase näher bei mir zu haben. Ich bestimme nicht einfach wie ein totalitärer Herrscher, sondern erkläre den Arbeitsprozess und lasse die Leute an der Entwicklung teilhaben. Bis jetzt gab es nur positive Reaktionen.

Chang Lin

„Die Branche lebt von unterschiedlichen Generationen. Nur bei der neuen Fast-Track-Kultur verliere ich die Geduld.“

Liegt das vielleicht auch daran, dass du mit einem sehr jungen Team arbeitest?

Ich arbeite gerne mit jungen Leuten. Die Branche lebt von unterschiedlichen Generationen. Nur bei der neuen Fast-Track-Kultur verliere ich die Geduld. Die Nachwuchs-Kreativen wollen immer gleich ganz schnell nach Oben, ohne sich dabei Raum und Zeit für Entwicklung zu geben. Das nimmt ihnen oft die Authentizität, weil sie sich irgendwelche Schablonen überstülpen und sich dann ganz schnell darin verlieren.

Bist du in deiner Karriere selbst mal an einen solchen Punkt gekommen?

 

Oh ja! Da war ich Mitte Zwanzig. Damals waren die Budgets für Kampagnen noch irrsinnig groß, dann fliegt man zwei Mal mit der Concord und meint schon, man wäre der Größte und der beste Art Director, den die Welt je gesehen hat.

Was hat dich auf den Boden zurück gebracht?

Das war ein Schock-Moment. Ich wurde währende eines Jobs in Paris von einem Luxus-Hotel in ein anderes verfrachtet, weil ein wichtiger CEO von Lancaster mein Zimmer bekommen sollte. Ich wurde allerdings in ein kleineres Zimmer einquartiert und machte daraufhin so einen Terz, dass ich mich selbst plötzlich nicht mehr wiedererkannte. Mir wurde schlagartig klar, dass mich die Branche übernommen hatte. Man kann in diesem Business schnell in eine Abhängigkeit geraten. Aber wenn der ganze Luxus, die großen Budgets und die wichtigen Namen nicht mehr da sind – was in diesem Business von heute auf morgen passieren kann – steht man plötzlich nackt da, weil man sich nur darüber definiert hat.

Unabhängigkeit scheint eine wichtige Rolle in deinem Leben zu spielen?

Ja, die versuche ich mir zu bewahren. Man sollte sich nicht zu sehr auf etwas einschießen, damit beraubt man sich selbst der Freiheit. Flexibilität hilft mir nicht nur in meinem Job, der sich in einem rasanten Tempo immer wieder verändert. Das ist eine grundsätzliche Haltung, die ich dem Leben gegenüber einnehme. Ich mache mir oft den Spaß und male mir aus, was ich mitnehmen würde, wenn ich von heute auf morgen auswandern würde. Zwei Koffer würden mir reichen. Und wenn ich mir das vor Augen führe, fühle ich mich befreit.

Chang Lin

Vielen Dank, Chang,

Danke, Chang, für das inspirierende Gespräch und die Möglichkeit hinter die Kulissen deiner Arbeitswelt bei und deiner privaten Welt in Berlin-Mitte schauen zu können. Wir freuen uns zu sehen, welche weitere deiner Ideen bei Zalando zum Leben erweckt werden und erwarten gespannt die kommende, drei-tägige Modemesse .  

Text und Interview:
Fotografie: