Fest am Boden stehend: Albrecht von Alvensleben entwirft Tische für den Alltag
Bullenbergs Möbel nehmen dem städtischen Leben seine Flüchtigkeit, Berlin
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In den letzten Jahren wurden im Handwerk viele Comebacks gefeiert. Insbesondere maßgefertigte Einrichtung erlebt eine hohe Nachfrage, denn kaum jemand möchte sich mit Möbeln umgeben, die den Umzug nicht überstehen oder schnelllebigen Moden unterliegen.

Bei Bullenberg finden Individualisten den Tisch, der zu ihrem Leben passt und verschiedenste Wohnsituationen überdauert. Albrecht von Alvensleben, der das Berliner Unternehmen gemeinsam mit Max Pauen aufgebaut hat, hält Beständigkeit für einen wichtigen Wert in Zeiten, in denen vieles andere flüchtig erscheint. Für den studierten Architekten bedeutet Möbel entwerfen, nahe am Menschen und der Natur zu arbeiten – seine Inspiration hingegen findet er in der Stadt.

Die Stationen eines Bullenberg Tisches

Das Bullenberg Büro in Prenzlauer Berg

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Ein Tisch: eine Platte und vier Beine. Nun ja, fast. Auch wenn der ARX Tisch, mit dem bei Bullenberg alles begann, schlicht und funktional daher kommt, haben Albrecht und sein Gründungspartner monatelang an dem perfekten Zusammenspiel seiner einzelnen Komponenten gefeilt. Die Tischplatte besteht aus massiven, von Hand ausgesuchten Eichenholzbohlen, die allesamt dem gleichen Baum entstammen und somit in der Maserung ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Die Beine, abnehmbar und ebenfalls aus dem gleichen Holz, werden mit der Platte durch eine Unterkonstruktion aus Metall zusammengehalten, welche eine Pulverbeschichtung in der Wunschfarbe des Kunden erhält. Die geschliffene Oberfläche hat eine magische Anziehungskraft, das geölte Holz verströmt einen natürlichen Geruch – man möchte den ARX Tisch sofort anfassen.

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„Unser ARX Tisch soll ganz bewusst kein Designertisch sein, sondern ein Möbelstück, in dessen Entwurf der Fertigungsprozess bereits mitgedacht ist.”

Die Geschichte von Bullenberg ist auch die von Albrechts eigenem Lernprozess: „Selbst das beste Design macht keinen Sinn, wenn es an der Umsetzbarkeit hapert. Unser ARX Tisch soll ganz bewusst kein Designertisch sein, sondern ein Möbelstück, in dessen Entwurf der Fertigungsprozess bereits mitgedacht ist.“ Die Bullenberg Tische entstehen – vom gefällten Baum bis zur Auslieferung beim Kunden – unter Aufsicht und Mitwirken von Albrecht persönlich. Das Holz für die Eichenbohlen stammt aus dem familieneigenen Wald in Sachsen-Anhalt. Dort wird es im Sägewerk weiterverarbeitet, um schließlich in enger Zusammenarbeit mit ausgewählten Handwerksbetrieben in Berlin und Sachsen-Anhalt seine Form zu finden. Jeder Bullenberg Tisch ist eine Maßanfertigung. „Im Grunde ist der Kunde der Designer, er kann die Maße und Farbgebung selbst bestimmen.“ Auch aufwendigere Sonderanfertigungen sind möglich. Dieses Einbinden der Kundenwünsche ist bei Bullenberg nicht die Ausnahme, sondern die Regel und von Anfang an Teil des Designkonzepts.

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Der heimische Wald in Sachsen-Anhalt

„Ein Tisch ist ein kommunikatives Möbelstück – an ihm verbringen Menschen ihre Zeit miteinander.”

Nicht selten ist der Tisch das Herzstück einer Wohnung und für viele von Bullenbergs Kunden ist der ARX oft das allererste Möbelstück, das in die neue Wohnung einzieht – um ihn herum bildet sich dann der Raum. Albrecht selbst erinnert sich noch gut an den Küchentisch seiner Eltern, an dem neben dem gemeinsamen Essen fast das gesamte alltägliche Leben stattfand. „Ein Tisch ist ein kommunikatives Möbelstück – an ihm verbringen Menschen ihre Zeit miteinander.“ Für Albrecht lag es nahe, Bullenberg mit diesem elementaren Möbelstück zu beginnen. Auch der Produktionsablauf wurde zunächst anhand des ARX Tisches abgestimmt und optimiert. Dies ist bei Einzelanfertigungen natürlich eine Herausforderung und verlangt nach genauen Absprachen zwischen den beteiligten Handwerksbetrieben. In Kürze wird die ARX Familie noch um Bänke, Hocker, Beistelltische und Regale erweitert.

Der Anspruch, einfache, funktionale und gleichzeitig wandelbare Möbel zu gestalten, wird auch mit Fortführung der Reihe beibehalten. Ihm hat sich Albrecht bereits seit seinen Anfängen im Möbeldesign verschrieben: „In meinem Architekturstudium ging es um die progressive und experimentelle Seite der Architektur. Konzept, Entwurf und Maßstab riesengroß – als gäbe es keine physikalischen Grenzen. Der Mensch aber kam darin kaum vor. Anstatt weiter Luftschlösser zu bauen, wollte ich mich in einem kleineren Maßstab ausprobieren. Im Gegensatz zur Architektur bedeutet Möbeldesign Prototypen zu bauen, an der Säge zu stehen und die Umsetzung direkt auszutesten. Somit ist man nah am tatsächlichen Gebrauch.“

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„Natürlich habe ich schon öfter darüber nachgedacht, aufs Land zu ziehen – mit dem Ergebnis, dass ich die Stadt nie aufgeben könnte.”

Auf die Frage, wie lange eine Eiche braucht, um ein Bullenberg Tisch zu werden, hat Albrecht eine präzise Antwort: „Zwei Jahre und sechs Wochen“. Natürlich könne dies variieren, sechs bis acht Wochen müssen Kunden auf ihren Tisch warten, so lange dauern die Fertigung in der Tischlerei und die Auslieferung. „Das Holz aber muss zwei Jahre trocknen, daran führt kein Weg vorbei.“ Genauer: Zwei Sommer und zwei Winter. Eine Eiche muss einiges erleben, um zu einem stabilen Tisch verarbeitet werden zu können: Feuchtigkeit, Frost, Trockenheit und Hitze. „Es geht darum, die einzelnen Zellen im Holz zu schrumpfen, damit sie irgendwann so klein sind, dass sie kein Wasser mehr aufnehmen können. Wir trocknen das Eichenholz ganz langsam herunter, damit die Zellen keinen Schock erfahren und sich deformieren – dadurch würde sich das Holz wölben.“

Der Familienwald wird bereits seit dem frühen 14. Jahrhundert von den von Alvensleben bewirtschaftet. Für jeden Baum, der hier gefällt wird, werden 300 bis 500 neue gepflanzt. 150 bis 200 Jahre später sind lediglich ein bis zwei davon ausgewachsen und können wiederum gefällt werden. Dieses Prozedere entspricht der nachhaltigen Waldwirtschaft, wie sie in der Forstordnung der Region festgelegt ist.

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„Die Menschen wollen in ihrer Wohnung keine Wegwerfmöbel – so wenig wie sie Geschmacksverstärker in ihrem Essen wollen.”

Holz ist ein einzigartiges und nachwachsendes Material, dessen Eigenschaften sich mit keinem anderen Werkstoff vergleichen lassen. Unter den Harthölzern erfreut sich insbesondere Eiche wieder zunehmender Beliebtheit. Albrecht zählt Eichenholz in einer Reihenfolge mit Materialien wie Marmor, Kupfer oder Glas auf, die in der Inneneinrichtung derzeit ebenfalls sehr gefragt sind. Die charakteristische Maserung und Färbung, ihr Geruch und die haptischen Qualitäten treffen den Nerv der Zeit: Eiche bringt Wärme und Beständigkeit in die Lebensräume einer Generation, die so mobil und digital lebt, wie keine vor ihr: „Ein Tisch aus Eichenholz hält hundert Jahre und länger. Auf dem darf Rotwein verschüttet werden und mit der Zeit kommen Kratzer ins Holz – man muss ihn bloß einmal abschleifen und er ist wieder wie neu.”

Die Werkstatt in Berlin

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Menschen, die räumlich ungebunden sind, die heute von Berlin, und morgen von New York aus arbeiten, verschwenden meist nicht viele Gedanken an Einrichtung, bis der Zeitpunkt kommt, an dem der private Ruhepol zunehmend wichtiger wird. „Das merke ich auch an mir selbst. Meine Wohnung war mir jahrelang relativ egal, doch jetzt wird mir mein Zuhause wichtiger. Das kann am Alter liegen, aber auch an der Zeit, in der wir leben.” Der digitale Zeitgeist fordert Firmen und Hersteller darüber hinaus zu einer erhöhten Transparenz und Ehrlichkeit hinsichtlich ihrer Produkte und deren Herstellungsprozess auf. Eine Kaufentscheidung bedeutet heute, sich vorab im Internet zu informieren. „Die Menschen wollen in ihrer Wohnung keine Wegwerfmöbel – so wenig wie sie Geschmacksverstärker in ihrem Essen wollen.”

Zweifelsfrei gibt es einen verstärkten Wunsch danach, weniger zu besitzen, dafür aber Qualitätsarbeit aus hochwertigen Materialien. Wir wollen hinter die Produkte schauen und wissen, wo das, was wir essen und uns ins Wohnzimmer stellen, herkommt. Während die Lebenszyklen vieler technischer Geräte immer kürzer werden, soll gerade unsere Einrichtung einen Gegenpol zur Flüchtigkeit unseres Konsumverhaltens bilden: „Ein Tisch braucht kein Update. Der ARX ist so wenig designed wie möglich, um als schlichter und geradliniger Tisch sämtliche Moden zu überdauern. Er soll sich überall einfügen können und wandelbar bleiben.”

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Ein weiterer Blick auf unseren Tag mit Albrecht durch die Linse von Thomas Karareko

Möbel für Freunde

Wandel und Beständigkeit sind für jemanden wie Albrecht, der selbst zwischen Stadt und Land pendelt, in heutigen Zeiten kein Widerspruch mehr: „Durch unsere Mobilität können wir mühelos beides haben. Niemand muss sich mehr für ein Leben in der Stadt oder auf dem Land entscheiden. Es gilt vielmehr, das Beste aus beidem zu vereinen.“ Als gutes Beispiel dafür nennt Albrecht Gegessen wird immer, ein Online-Lebensmittelhandel, der mit regionalen und persönlich bekannten Erzeugern zusammenarbeitet, aber mit urbaner Geschwindigkeit nach Hause liefert. Auch Bullenberg würde es nicht ohne diese Wechselbeziehung geben: „Natürlich habe ich schon öfter darüber nachgedacht, aufs Land zu ziehen – mit dem Ergebnis, dass ich die Stadt nie aufgeben könnte.“

Für Albrecht ist Berlin Inspiration, hier finden Ausstellungsbesuche und der Austausch mit anderen Kreativen statt. Ohne die Stadt könnte er nicht entwerfen – und andersherum: ohne das Land und den Wald seiner Familie könnte Albrecht seine Entwürfe nicht umsetzen. In diesem Sinne ist ARX vielleicht der erste urbane Landhaustisch, beständig und flexibel zugleich.

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Danke Albrecht, dass du uns den Wald deiner Familie gezeigt und einen Blick hinter die Kulissen von Bullenberg ermöglicht hast. Mehr zum ARX Tisch auf der Bullenberg- – wir dürfen gespannt auf die Neuzugänge der Möbelserie sein. Ein Dankeschön gilt ebenfalls , die uns während des Tages versorgt haben.

Albrechts Geschichte erzählen wir in Zusammenarbeit mit , die unsere Neugier für urbanes Handwerk teilen. Gemeinsam sprechen wir mit kreativen Persönlichkeiten, um einen Einblick in ihr Arbeitsfeld zu erhalten. Erfahrt mehr über den , mit dem Albrecht in Berlin und Sachsen-Anhalt unterwegs war.

Fotografie: Fabian Brennecke
Text: Vanessa Oberin